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In
der politischen Auseinandersetzung ist seit Jahren der Begriff "Globalisierung"
ein Schlüsselbegriff. Politiker und Parteien verweisen auf die "Globalisierungsprozesse",
um bestimmte Prämissen in ihrer Politik zu begründen.
Im folgenden geht
es uns nicht um eine Übersicht über die verschiedenen Denkrichtungen
in der Globalisierungsdebatte. Hier verweisen wir auf das Buch von Elmar
Altvater/Birgit Mahnkopf: Grenzen der Globalisierung, Münster 1999,
4. Überarbeitete Auflage (Kapitel 1). Vielmehr wollen wir die Schnittstelle
zwischen theoretischen Reflexionen über die Globalisierung und der
Politik näher beleuchten und mögliche Konsequenzen für
politische Strategien herausarbeiten. Dazu analysieren wir die Positionen,
die in der programmatischen Debatte bei SPD, Bündnis90/Die Grünen
und PDS, vertreten werden.
In der parteipolitisch
geprägten Globalisierungsdebatte spielen vor allem zwei Fragen eine
herausragende Rolle:
Erstens: Wie wird Globalisierung dem Wesen nach reflektiert. Handelt
sich um eine neues Phänomen, das weitreichende Folgen für die
Grenzen und Möglichkeiten von Politik, insbesondere nationaler Politik,
hat oder handelt es sich in erster Linie um ein schon des längeren
bestehendes Phänomen der (kapitalistischen) Gesellschaft, das durch
eine bestimmte (marktradikale) Politik in eine bestimmte Richtung vorangetrieben
wird.
Zweitens geht es
um die politischen Schlussfolgerungen, die aus der Globalisierung gezogen
werden. Hier geht es um die Frage, welche eigenständigen politischen
Eingriffsmöglichkeiten (international und national) in ökonomische
Prozesse gesehen werden. Müssen sich Staaten am internationalen Verdrängungswettbewerb
beteiligen, um in der Wohlstandentwicklung mithalten zu können?
SPD
Die Grundwertekommission
der SPD hatte schon im Jahre 1997 ein Memorandum "Globalisierung
- Herausforderung und Chance" verfasst. Die Kommission geht von
einem Doppelcharakter der Globalisierung aus: Einerseits sei sie eine
vielfache Realität. Die ökonomische Entgrenzung gehe auch mit
einer kulturellen Überformung tradierte Gewohnheiten und regionaler
Eigenarten durch die großen Wettbewerber einher. Zur dominierenden
Größe seien die internationalen Finanzströme und -märkte
geworden. Es sei zu "einer gefährlichen Abkoppelung des internationalen
Finanzmarktes von den produzierenden Sektoren" gekommen.
Andererseits sei Globalisierung ein ideologischer Kampfbegriff: "globaler
Wettbewerb als Daumenschraube". Mit dem Hinweis auf die "Zwänge
des Weltmarktes" werde der Politik nur noch die Aufgabe zugewiesen,
durch Steuer- und Kostensenkungen die Wettbewerbsbedingungen für
den "Standort Deutschland" zu sichern bzw. zu verbessern.
Die Grundwertekommission geht sogar noch weiter. Sie stellt fest, dass
wirtschaftliche Prozesse die demokratisch legitimierten Entscheidungen
bedrohten und somit die Globalisierung an den "Grundfesten der Demokratie"
rüttele. "Scheinbare Zwänge des globalen Wettbewerbs hebeln
mühsam Erstrittenes aus." Zudem hätten Technologieentwicklung
und Kapitalbedarf zu einer Konzentration wirtschaftlicher Macht in relativ
wenigen Händen geführt. Da sich mit wirtschaftlicher Macht auch
politische Macht verbinde, werde die Politik chronisch geschwächt.
Die Autoren des Memorandums relativeren die Globalisierungsprozesse, weil
die Globalisierungsrealität nur "einen bestimmten Teil der gesellschaftlichen
und auch wirtschaftlichen Wirklichkeit" erfasse. Viele gewerbliche
und fast alle nichtgewerblichen Tätigkeiten blieben weitgehend erhalten.
Sieben Handlungsorientierungen schlägt die Grundwertekommission vor:
Globale demokratische Politikgestaltung; Internationalisierung von Sozial-
und Umweltpolitik, insbesondere im Rahmen der europäischen Institutionen;
Regulierung der internationalen Finanzmärkte; Verbesserung der nationalen
Wettbewerbsfähigkeit; Sicherung weltmarktunabhängiger Lebensbereiche;
Abbau von schädlichen Subventionen und Marktverzerrungen sowie Aufklärung
und Ermutigung.
Insbesondere setzt sich die Kommission für die Regulierung der internationalen
Finanzmärkte als Gegengewicht gegen die globalisierten Wirtschaftsakteure
ein. Politische Regulierung als notwendiges Gegengewicht gegenüber
reinen Kapitalverwertungsinteressen ist auf der Ebene des Nationalstaates
nicht mehr hinreichend organisierbar. Die politischen Eingriffsmöglichkeiten
müssten in ihrer Reichweite denen der international operierenden
Konzerne entsprechen.
In dem Papier der
Grundwertekommission "Dritte Wege - Neue Mitte" (September 1999)
wird die Frage danach, "wie weit der Einfluss der ökonomischen
Globalisierung wirklich reicht, und wie weit er durch nationale und transnationale
politische Steuerung sozial und ökologisch gestaltet werden kann",
als umstritten bezeichnet. (S.6) Fest stehe aber, dass seit 1990 durch
den Wegfall der Systemkonkurrenz und die zugleich sprunghaft gestiegene
Kapitalmobilität einen scharfen Wettbewerb der "Standorte"
um das anlagesuchende Kapital mit sich gebracht habe, "welcher klassische
Gestaltungsspielräume nationalstaatlicher Politik stark eingeengt"
habe. Politik im Rahmen des Nationalstaates sei heute nur noch beschränkt
möglich. Die Kommission orientiert auf die "Vertiefung der Demokratie
im Rahmen der Europäischen Union" und auf die "Durchsetzung
eines Mindestmaßes an verbindlicher Regulierung im globalen Maßstab".
(S.32)
Detlev Albers und
Hermann Schwengel (SPD Bremen) gehen davon aus, dass "Globalisierung
als nicht mehr umkehrbare Rahmenbedingung unserer Zeit gelten". Ins
Staatlich-Institutionelle gewandt, so die Autoren, werde klar, dass hieraus
unvergleichlich schneller als bisher erwartet eine ebenso unumkehrbare
Aufwertung der Welt-Ebene bis hin zur Welt-Staatlichkeit folgen müsse.
(S.9/10)
Die Autoren orientieren auf eine europäisch verfasste Globalisierung.
Das verlange Eigenständigkeit gegenüber Made in USA und seinem
weltzivilisatorischen Anspruch, schließe aber die Interessensolidarität
mit den Völkern aller Kontinente ein. Das Anliegen von Albers/Schwengel
besteht darin, die Grundidee demokratisch verfassten verantworteten Wirtschaftens
in eine zukunftstaugliche Fassung zu bringen. (S.12)
Der Aufbau und die demokratische Gestalt internationaler Institutionen
und Organisationen, Netzwerke und Öffentlichkeit würden zur
zentralen Aufgabe. Ein neuer globaler Sozialpakt sei erforderlich, der
keine verlorenen Kontinente und verlorenen Jahrzehnte mehr erlaube. Funktional
gehe es "um die Lösung grenzüberschreitender Probleme von
der Ökologie bis zur Migration, um globale Investitionen in Bildung,
Gesundheit und Kommunikation, um einen an Beschäftigung, Arbeitnehmerrechten
und Armutsverringerung gemessenen Welthandel, um Konfliktprävention
und Unterbindung oligarchischer Machtkonzentration in sich entwickelnden
Ökonomien und Gesellschaften. Territorial müssen sich Ökonomie
und Gesellschaft wie den feinen lokalen, regionalen, nationalen und kontinentalen
Gliederungen der Welt anpassen, um sie gestalten zu können. Die Demokratisierung
von IWF, Weltbank und WTO tritt dann neben ihre regionale Differenzierung.
Die Schaffung von spezifischer task forces für die Lösung zugespitzter
globaler Probleme bei Gesundheit, Wasserversorgung oder Menschenrechten
gehört ebenso dazu wie die Entwicklung globaler Zentralbanksysteme.
Diese müssen an Geldwert wie Beschäftigung gleichermaßen
gebunden sein..." (S.14)
Der ehemalige Vorsitzende
der SPD, Oskar Lafontaine, hatte sich in besonderer Weise mit der
Globalisierung befasst. Neben dem Buch zusammen mit Christa Müller
hatte er auch in spw 94/1997 einen Grundsatzartikel geschrieben, in dem
er vor allem die Möglichkeiten der Gestaltung der Globalisierungsprozesse
erläuterte. Er nennt dort sieben wirtschaftliche Aufgaben: eine Stabilisierung
der Wechselkurse, eine stabilitätsorientierte und zugleich wachstumsorientierte
Zinspolitik, eine konjunkturgerechte und beschäftigungsorientierte
Budgetpolitik, eine harmonisierende Steuerpolitik, eine gemeinsame Technologiepolitik,
eine internationale Sozialcharta, eine konzentrierte Offensive gegen globale
Umweltzerstörung. (S.22)
Bündnis 90/Die
Grünen
Joschka Fischer
hat sich in seinem 1998 (vor den Bundestagswahlen) erschienen Buch "Für
einen neuen Gesellschaftsvertrag. Eine politische Antwort auf die globale
Revolution" ausführlich und auch relativ eindeutig zu den Globalisierungsprozessen
geäußert. Nach dem Ende des Systemkonflikts würden nicht
mehr politisch-militärische Supermächte gegen einander, sondern
rund um die Welt Märkte und damit Wirtschaftsstandorte konkurrieren.
Durch die weltweite Wirtschaftsrevolution drohe der Sozialstaat Westeuropas
zum nationalen Wettbewerbsstaat um Standortvorteile zu verkommen. Für
Westeuropa gehe es um nichts Geringeres als um die Frage, ob das hier
gewachsene Gesellschaftsmodell überholt wird oder nicht, "ob
es also erneuerbar ist oder durch Globalisierung definitiv ad acta gelegt
werden wird". (S.12)
Die zentrale Achse in der Argumentation Fischers besteht im Vorwurf an
"die Linke", hier zum ängstlichen Besitzstandswahrer und
erschrockenen Verteidigern des erreichten Status quo zu verkümmern.
(S.13) Pauschal wirft Fischer "der Linken" vor, die Frage der
Globalisierung lediglich als "gelungenen Propagandacoup von Kapital
und Wirtschaftsliberalen zu Lasten der abhängig Beschäftigten,
des Sozialstaats und der sozialen Gerechtigkeit" abzutun. (ebenda)
Wie bei der deutschen Einheit würden sich die Fronten verkehren:
"Während die Konservativen angesichts einer historischen Herausforderung
und Chance ihre ansonsten sehr erfolgreiche Politik des 'Weiter so' aufgeben,
drohen ausgerechnet jetzt Teile der politischen Reformkräfte in Deutschland,
gemeinhin bisher 'die Linke' genannt, zu Beginn einer veritablen Revolution
namens Globalisierung, jene konservative Politik des 'Weiter so' zu übernehmen,
wo diese Politik historisch obsolet geworden ist. Das ist nicht nur eine
historische Absurdität, sondern politisch auch eine klare und definitive
Verliererstrategie." (S.14)
Für Fischer ist die Globalisierung ein unaufhaltsamer Prozess. Er
greift auf "das Marxsche Modell des Zusammenhangs von Kapitalakkumulation
und Vergesellschaftungsstufen " zurück, um die "Unaufhaltsamkeit
des gegenwärtigen Prozesses der Globalisierung" zu belegen.
Die Akkumulation des Kapitals erzwinge eine neue Vergesellschaftungsstufe
aufgrund der Produktivkraftentwicklung, sprenge endgültig die nationale
Hülle und organisiere den globalen Raum. Deshalb müssten sich
auch die Produktionsverhältnisse neu ordnen. (S. 21) Zugleich warnt
auch hier Fischer die Linke davor, die Reichweiten von Veränderungsmöglichkeiten
zu überschätzen. Es werde keinen linken Masterplan gegenüber
der Globalisierung geben können, wie es auch keinen dafür gebe,
sondern bestenfalls seine Beeinflussung und begrenzte Mitgestaltung. (S.22)
Fischers Schlussfolgerung: Die Globalisierung bringe drei wesentliche
Herausforderungen für alle entwickelten Gesellschaften des Westens
mit sich, die einen fundamentalen Wandel erzwingen werden: "Der
Nationalstaat wird erschüttert; der Sozialstaat wird gefährdet,
die Arbeitsgesellschaft löst sich auf. Dem Inhalt der Globalisierung-
digitale Revolution, weitgehend unabhängige globale Märkte und
Unternehmen, zunehmende Verlagerung von Macht weg vom Nationalstaat hin
zur globalisierten Wirtschaft - und seinen umstürzenden Folgen wird
sich kein Land, keine Volkswirtschaft und kein Kontinent entziehen können,
wohl aber wird ihre gegenwärtige Form, wie sie von den USA ausgehend
entwickelt wurde, nicht für alle Länder gleich sein." (S.96)Die
einzig verbleibende Frage sei nicht, ob Europa sich der Globalisierung
anpassen muss, sondern wie dieser Anpassungsprozess sich vollziehen und
vor allem wie und durch wen er gestaltet wird. Es gehe letztlich um die
Frage, ob es eine europäische Alternative zum nordamerikanischen
Weg gebe, der nicht die soziale Desintegration zuspitze, sondern vielmehr
einen erneuerten Sozialstaat schaffe.
In der Langfassung
des Bundestagswahlprogramms 1998 heißt es, dass die Globalisierung
als standortgefährdendes Schreckgespenst für Einschnitte ins
soziale Netz herhalten musste. Tatsächlich habe die Bundesrepublik
von der Globalisierung profitiert.
Im Europawahlprogramm
wird betont, dass nur durch eine stärkere Kooperation und Regulierung
der Weltwirtschaft ein ökologischer und sozial gerechter Interessenausgleich
zwischen den Weltregionen erreicht werden könne. Die Deregulierung
der internationalen Finanzmärkte habe zu einer drastischen Zunahme
spekulativer Kapitalbewegungen geführt, die sich immer stärker
als Risikofaktoren für die Stabilität der globalen Wirtschafts-
und Finanzbeziehungen erweisen würden. Die EU müsse die vom
Europäischen Parlament seit langem geforderten Initiativen für
eine bessere globale Aufsicht über die Finanzmärkte und zur
Einführung einer internationalen Spekulationssteuer (Tobin-Steuer)
aufgreifen. IM Zusammenspiel mit einer verstärkten Bankenaufsicht
können so spekulative Kapitalbewegungen in erheblichem Maße
eingeschränkt werden.
PDS
In der programmatischen
Debatte der PDS spielt die Auseinandersetzung mit der Globalisierung eine
große Rolle. Im Jahre 1998 erschien ein "controvers"-Heft
von Klaus Steinitz/Peter Stier mit dem Titel "Globalisierung.
Mythos, Realität, Herausforderung. In der folgenden Debatte positionierte
sich die Programmkommission mit Thesen. Ein Minderheitenvotum ging ebenfalls
auf diese Problematik ein. Schließlich hat in jüngster Zeit
Ulla Lötzer (Mitglied der Programmkommission und MdB) ein eigenes
Papier zur Globalisierung vorgelegt.
Klaus Steinitz/Peter Stier gehen von "Antagonismus" zwischen
den wirtschaftlichen Globalisierungsprozessen einerseits und globalen
Weltproblemen andererseits aus, den es aufzubrechen gelte. Eine linke
Alternative dürfe aber nicht antiglobal sein. Sie sprechen von einer
"neoliberalen Globalisierung", die Resultat der Widersprüche
der gegenwärtigen kapitalistischen Reproduktion sei. Die zukunftsgefährdenden
Globalisierungstendenzen seien vorherrschend. Eine linke Opposition müsse
sich gegen eine solche Globalisierung wenden, die im national-staatlichen
ebenso wie im weltwirtschaftlichen Maßstab nicht zur Lösung
der Probleme und Konflikte beitrage, sondern zu ihrer Verschärfung.
Aufbauend auf dieser grundsätzlichen Sicht unterbreiten die Autoren
auch (im linken Spektrum bereits bekannte)Forderungen. Es handelt sich
dabei um folgende Komplexe: Schaffung von internationalen Institutionen,
"die erste Ansätze für eine demokratische Kontrolle und
Einflussnahme gegenüber den internationalen Finanzmärkten und
dem Bankensystem bedeuten; Zurückdrängung spekulativer Kapitalflüsse
(Tobin-Steuer), Neugestaltung der internationalen Währungsbeziehungen,
Verbindung von Globalisierung und Regionalisierung, Regelungen auf der
EU-Ebene mit dem Ziel der Schaffung eines "europäischen Sozialstaates".
In den Thesen der
Programmkommission wird die Globalisierung als realer Prozess betrachtet.
"Zusammenschlüsse von Konzerngiganten kennzeichnen die Machtverhältnisse
in der Wirtschaft. Geld-, Wertpapier- und Devisenmärkte internationalisieren
sich in rasantem Tempo und dominieren immer mehr Wirtschaft und Gesellschaft.
Die Deregulierung der Finanzmärkte verbunden mit der zunehmenden
Machtkonzentration von Fonds und Banken sind eine ständige Bedrohung,
die die Weltwirtschaft in weitere Krisen führen kann. Der shareholder
value stehe im Zentrum der Aufmerksamkeit, nicht die Zukunftsfragen der
Menschheit. Der Handlungsspielraum von Regierungen werde eingeschränkt.
Die herrschende Politik orientiere sich auf den Verdrängungswettbewerb
auf dem Weltmarkt. Dies führe zu ständigem Konkurrenzkampf um
Produktivitätsvorteile verbunden mit Beschäftigungsabbau und
niedrigen Sozialstandards, zur Deregulierung der Schutzrechte und zum
Steuersenkungswettlauf zwischen den Staaten. Die Binnenmärkte werden
zurückgedrängt. Deshalb müsse die Regulierung der internationalen
Märkte mit der Stärkung der regionalen und auf den Binnenmarkt
orientierten Wirtschaftskreisläufe verbunden werden.
Die Programmkommission der PDS plädiert in ihrer Mehrheit für
eine Regulierung der Weltmärkte im Sinne einer sozialen und demokratischen
Weltwirtschaftsordnung.
Dies müsse den wirtschaftliche schwächeren Ländern mehr
Möglichkeiten eröffnen, sich positiv zu entwickeln. Finanzmärkte
müssten so reguliert werden, dass Spekulationen abgebaut und beschäftigungsorientierte
produktive Investitionen gefördert werden, insbesondere den Ländern
des Südens Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Die Bankenaufsicht
muss verschärft werden. Es gehe um Abkommen über Umwelt- und
Sozialstandards, und es geht um die Regulierung des internationalen Organisationen
wie WTO, IWF und Weltbank.
Die Autoren des
Minderheitenvotums lehnen eine solche Orientierung ab. Konzerne seien
nur kontrollierbar, "wenn es zu Massenwiderstand und Streiks kommt
oder sich starke innerkapitalistische Widersprüche herausbilden oder
wenn Staaten der Dritten Welt sich in dieser Richtung formieren".
(S.40)WTO, IWF und Weltbank seien nicht demokratisierbar. Eine Trennung
und einen Gegensatz von Finanz- und produktivem Kapital gebe es ebenso
nicht, wie eine Trennung von nationaler und internationaler Ebene. Die
"internationale Spekulation" sei eine "gefährliche
Schimäre". All das weise eine ungewollte, aber gefährliche
Nähe zu den Argumentationen der Rechtsradikalen auf. (ebenda) Das
Minderheitenvotum geht offenbar davon aus, egal wie, es ist doch ohnehin
alles Kapitalismus. In diesem Sinne werfen sie den Autoren des Mehrheitstextes
eine zu positive Haltung zur EU vor. Die EU sei zutiefst undemokratisch
und es zeichne sich nicht ab, dass sich dies ändern würde..
(S.41)
Nach Auffassung von
Ulla Lötzer wachse durch die Globalisierung die Desintegration.
Die überwiegende Zahl der Länder kämpfe verzweifelt darum,
überhaupt integriert zu werden. In allen Ländern habe die Globalisierung
"zu einer Verschärfung der Konkurrenz als Verdrängungskonkurrenz
um Weltmarktanteile geführt und zu einer Politik, die sich an Wettbewerbsfähigkeit
und den Interessen der großen Konzerne und Finanzakteure orientiert
und in diesem Sinne reguliert bzw. dereguliert". Abwehrkämpfe
würden zunehmend als Kampf um die Teilhabe daran, ausgebeutet zu
werden geführt, nicht mehr um die Bedingungen der Ausbeutung.
Auch Ulla Lötzer konstatiert den Umbau des "Sozialstaates"
zum "Wettbewerbsstaat". Im Wettbewerbsstaat würden (im
Unterschied zum Sozialstaat) alle Gegensätze dem gemeinsamen Interesse
an Wettbewerbsfähigkeit untergeordnet Sie schlussfolgert: Regierungen
und Nationalstaaten sind nicht unbedeutend geworden. Im Wettbewerbsstaat
habe die Regulierung zugenommen, allerdings im Interesse der großen
Konzerne und Geldbesitzer. "Die ökonomische Globalisierung und
der Wettbewerbsstaat erweisen sich zunehmend als sozialer und ökologischer
Sprengsatz und Sprengsatz für Demokratie, sowohl im internationalen
Maßstab, insbesondere im Verhältnis zu den Ländern des
Südens, wie auch national."
Lötzer sieht den Ansatz für linke Alternativen "dringend
strukturelle Reformen insbesondere auch internationale Regulierung nach
dem Leitbild einer 'kooperativen Globalisierung" mit einer Orientierung
an einer kooperativen Weltwirtschaftsordnung als Kern , die regulierend
im Interesse sozialer, ökologischer und demokratischer Interessen
eingreift und damit auch Demokratiefähigkeit in diesem Sinne im Inneren
zurückgewinnt." (S. 14 oben)
Sie sieht in der "demokratischen Regulierung der EU als Region in
einer globalisierten Ökonomie" wichtige Möglichkeiten und
zum anderen in der "Entwicklung einer Bewegung von unten". Sie
kritisiert das "global governance"-Konzept der Sozialdemokratie
und ihr nahestehender Regierungen, weil es die Ungleichheiten in Bezug
auf Organisations-, Macht- und Durchsetzungspotenzial ignoriere, genauso
wie die ungleichen Machtverhältnisse zwischen den ärmsten Entwicklungsländern
und den Industrieländern. Die NGOs erhielten dabei die Rolle der
kostengünstigen Abpufferung der sozialen Folgen von neoliberaler
Deregulierung. Sie spricht sich für eine Bewegung von unten auf regionaler
Ebene (und nicht für einen "Bienenschwarm internationaler Konferenzbeteiligung"
aus. NGO's könnten zwar Öffentlichkeit schaffen und zu einem
Bündnis von sozialen und ökologischen Kräften beitragen,
eine solche Allianz bedinge aber "Aktivitäten von unten im Sinne
von Gegenmacht gegen die Dominanz der Kapitalinteressen".
Schlussfolgerungen:
Eindeutige Trennlinien
zwischen den Parteien existieren nicht. Vielmehr werden unterschiedliche
Akzente gesetzt und Defizite deutlich.
- Globalisierung wird als objektiver Prozess abgehandelt, der aber
auch als ideologischer Kampfbegriff von den Neoliberalen benutzt werde.
Unterschiedlich akzentuiert wird aber, ob es sich bei der Globalisierung
um einen von vornherein politisch neoliberal geprägten und gewollten
Prozess handelt oder mehr oder weniger um einen objektiven Prozess,
der so oder so gestaltet werden könne. Die die erste Linie vertreten,
weisen politisch die Globalisierung als angeblichen Fatalismus zurück
und sehen ihre Aufgabe darin, dies im Massenbewusstsein zurückdrängen
zu wollen. Die anderen sehen mehr Möglichkeiten bei der Gestaltung
der Globalisierungsprozesse.
- Die positiven Möglichkeiten der Globalisierung auf der einen
und die Gefahren und Risiken auf der anderen Seite werden unterschiedlich
gewichtet. Am negativsten werden die Globalisierungsprozesse im PDS-Spektrum
bewertet. Auch in der SPD finden sich in den verschiedenen Ausarbeiten
deutlich kritische Akzente. Im grünen Spektrum ist das (nach Quellenlage)
so nicht festzustellen. Vor allem Joschka Fischer wirft "der Linken"
vor, sich zu defensiv gegenüber der Globalisierung zu verhalten.
- Eine Entwicklung vom Sozial- zum Wettbewerbsstaat wird durchaus konstatiert,
aber hier gehen (weniger in der Theorie als in der praktischen Politik)
die Konsequenzen, die gezogen werden, weit auseinander. Die Grundwertekommission
der SPD schlussfolgert u.a., dass die nationale Wettbewerbsfähigkeit
gestärkt werden müsse, nachdem sie deutlich die Reduktion
von Politik auf die Verbesserung der Wettbewerbsbedingungen kritisiert
hatte.
- In der Debatte der drei Parteien wird zwar generell (mit unterschiedlicher
Deutlichkeit) eingeräumt, dass die Spielräume nationaler Politik
eingeengt werden. Wieweit dies geht, das bleibt weitgehend offen. Präzise
Äußerungen gibt es hier kaum.
- Politisch fokussieren fast alle (nicht die Minderheit in der PDS)
zunächst die Möglichkeit und die Notwendigkeit die Gestaltungsspielräume
in der EG zu nutzen. Unterschiedlich bewertet wird hingegen die Einflussnahme
nichtstaatlicher Organisationen und der Widerstand von unten.
- Die Möglichkeit internationale Organisationen (wie WTO, Weltbank,
IWF) zu demokratisieren bzw. positiv für die Globalisierungsprozesse
zu nutzen wird unterschiedlich, ja gegensätzlich bewertet. IN der
PDS dominiert mehr eine skeptische Sicht, während in der SPD und
bei den Grünen mehr Möglichkeiten gesehen werden.
- Zu den politischen Aufgaben werden vorrangig folgende Schwerpunkte
genannt:
Regulierung der internationalen Finanzmärkte und Zurückdrängung
der spekulativen Finanzströme
Stärkung der binnenwirtschaftlichen Wirtschaftskreisläufe
Abgestimmte Wirtschafts-, Umwelt- und Sozialpolitik in der EU
Über die Art
und Weise globaler Regulierungen gehen die Meinungen auseinander (global
governance" oder "kooperative Globalisierung). Hier besteht
weiter Diskussionsbedarf, wie weit es sich um ausgereifte Konzepte handelt
und wo genau die Differenzpunkte liegen.. .
Aus der Sicht von
Crossover besteht eine zu klärende Frage darin, ob nicht die
Globalisierung (verstanden als Prozess der Internationalisierung durch
den technischen Innovationsschub, des Kapitalverkehrs, der Güter
und Arbeitsmärkte, der zunehmenden Rolle der internationalen Konzerne...und
der Rückwirkungen auf die nationalstaatlich verfassten Institutionen
und Regulierungsmöglichkeiten zu kurz greift.
Werden nicht die tiefgreifenden Umbrüche im Inneren kapitalistisch
verfasster Gesellschaften zu sehr vernachlässigt (Wissenschaft als
zentraler Produktionsfaktor, Veränderungen in der Erwerbsarbeit,
die Gesellschaft wird zur "nachhaltigen Gesellschaft", d.h.
nicht nur die Reproduktion des Menschen (nicht nur für sich), sondern
auch die (Reproduktion der Naturbedingungen wird zentraler sozial-ökonomischer
Tatbestand. So betrachtet erscheint die marktmäßige Vergesellschaftung
nach außen (Globalisierung) und innen nicht als Ursache, sondern
als Folge.
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